Phun @ Winterthurer Stadtanzeiger PDF Drucken E-Mail
30.06.2008

Im Zeichen der Graffiti

Der Winterthurer Mauro Masciovecchio, auch bekannt als Phun, vor einem seiner legalen Graffiti.

Für viele Winterthurer sind Graffiti ein Ärgernis. Für einige hingegen Ausdrucksmittel des eigenen Lebensgefühls.

1994 kam der damals 13-jährige Mauro Masciovecchio zum ersten Mal durch Freunde in Berührung mit der Graffitikultur. Gepackt hat sie ihn sofort. Heute ist er Mitglied der IBA-Crew, der legalen Graffiti-Platzhirsche in Winterthur. Ob Schaufenster, Wände oder Plakate, meistens hat die IBA-Crew ihre Dosen mit im Spiel.


Aus illegal wird legal

Mit einem Lachen erinnert sich Mauro Masciovecchio an seine Jugendsünden zurück. Er war noch minderjährig, als die Polizei ihn  zweimal beim illegalen Sprayen erwischte. Das gab nicht nur Ärger zu Hause, er musste für sein Graffito an einem Autobahnbrückenpfeiler eine Woche lang Autobahnraststätten putzen und Autobahnhecken schneiden. Solchen Stress mit der Polizei kann sich der 27-jährige Filialleiter heute nicht mehr leisten.


Anders ist das bei einem 24-jährigen Zürcher Sprayer, der anonym bleiben möchte. Obwohl er auch zweimal erwischt wurde, sprayt er trotzdem illegal weiter, denn Angst hat er keine. Er hat zum Ziel, dass seine Bilder von der ganzen Öffentlichkeit wahrgenommen werden, ohne vorher gross zu fragen. «Ich muss ja auch zwangsweise akzeptieren, wie es momentan ausschaut. Deshalb nehme ich mir das Recht heraus, etwas zu verändern.»


Winterthur ist nicht Zürich

Für die Polizei erfüllt diese Art der Veränderung jedoch den Tatbestand der Sachbeschädigung. Deshalb arbeitet die Winterthurer Stadtpolizei auch mit Szenenkennern zusammen. So konnte die Stadtpolizei 75 Prozent aller Graffiti, die 2007 in Winterthur entstanden sind, aufklären. Dieser hohe Prozentsatz erstaunt Mauro Masciovecchio nicht. «Wir haben hier in Winterthur eine sehr kleine Szene. Neben unserer Crew gibt es nur eine Handvoll, die illegal sprayen.» In der Stadt Zürich sei das anders. Dort gebe es über 50 Aktive. Die Polizei habe also in Winterthur vergleichsweise leichtes Spiel.


Dem anstehenden Meeting of Styles Switzerland steht Mauro Masciovecchio skeptisch gegenüber. Ihn stört nicht die Idee, sondern die Umsetzung. «Mich wurmt es, dass wir als Winterthurer nicht eingeladen sind.» Das Meeting nimmt den Winterthurer Sprayern einen grossen Teil des begrenzten Platzes für legale Graffiti weg.


Graffiti als Teil der Hip-Hop-Kultur

Schon in der Altsteinzeit machten Menschen Graffiti an die Höhlenwände. Die¬se dienten dazu, die eigene Präsenz und das Revier zu markieren. Diese Tradition wurde dann im New York der 1970er-Jahre wieder aufgegriffen. Anfangs genügte ein Marker oder Filzstift, um Tags (Kürzel, Zeichen oder Pseudonyme) möglichst auffällig anzubringen. Aber bald entdeckten die Akteure die Sprühdose als weitaus ergiebigeres Medium.


Aufgrund der enormen Anzahl von Writern, wie sich die Mitglieder der Szene nennen, wurden die Tags immer grösser und aufwändiger. Es kristallisierten sich verschiedene Stile heraus. Das Writing wurde so neben dem B-Boying (Breakdance), dem DJing und dem MCing (Sprechgesang) ein Teil der nun auch über die Grenzen New Yorks hinaus populären Hip-Hop-Kultur. Skurrilerweise brachten die Punks das Tagging Mitte der 1980er-Jahre nach Europa. Deren Kritzeleien waren jedoch wenig kunstvoll und dienten hauptsächlich dem Vandalismus und der damit einhergehenden Kritik gegenüber dem verhassten Bürgertum. Seit Anfang der 1990er-Jahre ist das Writing fester Bestandteil der europäischen Hip-Hop-Kultur.


Graffiti gelten heute als ein zentrales Ausdrucksmittel urbanen Lebensgefühls und finden daher speziell unter Jugendlichen häufig Anerkennung. Weite Teile der Bevölkerung empfinden illegale Graffiti jedoch nur als störenden Vandalismus.